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Mainzelmännchen, Milchschnitte, Marketing – Werbung und Kinder

Der große Sohn war bei Freunden und hat dort ferngesehen. Fernsehen darf er bei uns zu Hause natürlich auch, wir sind generell ein sehr medienfreundlicher Haushalt – es gibt keine Medienverbote, so lange die Nutzung altersgerecht ist und in Maßen erfolgt. Bei anderen Leuten fernzusehen ist aber immer besonders spannend, weil man da Sachen gucken kann, die man entweder nicht kennt, nicht darf oder weil man endlich gemeinsam mit den Freunden beim Fernsehen fachsimpeln kann.

Wieder zu Hause erzählte er mir begeistert, dass etwas ganz Cooles gesehen hätte: nämlich kurze Folgen in denen einen Sachen gezeigt werden, die man kaufen kann, Spielsachen, Essen und lauter so Kram. Das gefiel ihm und er wollte gerne auch bei uns mal diese Folgen schauen.

Es dauert einen Moment, bis mir auffiel, dass er von Fernsehwerbung sprach. Bei uns gibt es KiKa (ohne Werbung) oder Netflix, das bedeutet das Konzept der Fernsehwerbung war ihm nicht bekannt. Ich glaube die einzigen Werbeclips, die er bei uns je gesehen hat waren vor Youtube-Videos, das ist aber natürlich nicht zu vergleichen mit speziell an Kinder als Markt gerichteter Fernsehwerbung. Fernsehwerbung war in meiner Kindheit ein zentrales Element meines Fernsehkonsums und ich kann immer noch Werbemelodien der 80er Jahre singen oder Slogans nachplappern und habe die, den Werbeblock einleitenden, Mainzelmännchen geliebt. Ich frage mich wofür der ganze Hirn-Speicherplatz, der bei mir für Werbung draufgegangen ist, bei meinen Kindern eingesetzt wird, lose vermute ich, dass dort zum Beispiel die Namen von 150 Pokémons abrufbar sind.

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Fleißige Väter im Feenland – Elternzeit auf Island

2016-06-28 22.59.54Island spielt gerade eine erfolgreiche Fußball-EM (was mich übrigens sehr freut, aber dazu an anderer Stelle mehr) und sofort überschlägt sich die deutsche Medienlandschaft mit Sensationsmeldungen über die fantastische kleine Insel im Nordatlantik: Feen, eingesperrte Bänker, verrückte Bürgermeister, Feuer spuckende Vulkane, frei herumlaufende Schafe und jetzt auch noch engagierte Väter. Engagierte Väter? Momentan zirkuliert auf Twitter die interessante Zahl, dass in Island angeblich 97% der Väter Elternzeit nehmen. Als ich diese Zahl das erste Mal gelesen habe, stutzte ich für einen Moment. Tatsächlich kenne ich sehr viele isländische Väter die Elternzeit nehmen und glaube auch, dass in Island die Elternzeit des Vater mehr zum gesellschaftlichen Konsens gehört, doch 97% erschien mir sehr hoch. (Diese Zahl kommt übrigens aus einem sozialwissenschaftlichen Aufsatz aus dem Jahr 2013 (Arnalds, Eydal, Gíslasson, 2013), der offensichtlich eine weite Rezeption gefunden hat.)

Aus dieser traumhaften Zahl ergeben sich einige Fragen: Wie sieht das isländische Elternzeitmodell aus und wie unterscheidet es sich von dem Deutschen? Sind die Isländer einfach so gerne Väter oder liegen die scheinbaren Unterschiede in der hohen Akzeptanz der Elternzeit zwischen Deutschland und Island in der Gesetzgebung begründet? Ist Island ein Traumland für Familien und alle verzweifelten deutschen Jungeltern sollten auf gepackten Wickeltaschen sitzen?

Widmen wir uns erstmal der finanziellen Seite, die isländische Elternzeit ist ziemlich gut bezahlt, 80% des Durchschnittseinkommens im vgl. zu 67% in Deutschland und außerdem ein höherer Mindestsatz. Ein ganz wichtiger Unterschied ist auch, dass in Island Elterngeld an Studierende gezahlt wird, deswegen gibt es deutlich mehr Studierende, die den Schritt wagen Kinder zu bekommen. Die Elternzeit beträgt insgesamt 9 Monate und die Elternzeitmonate werden in drei Teile geteilt, von denen jedem Elternteil exakt ein Drittel zugewiesen wird, das nicht übertragbar ist. Ein Drittel der Monate steht zur freien Verfügung, so können Isländer*innen nicht mehr als sechs Monate bezahlte Elternzeit nehmen. Im Gegensatz zu Deutschlands 12+2 Monaten also eine Regelung von 3+3+3 Monaten. Gerade wurde die Elternzeit übrigens auf 12 Monate erhöht, was ab 2019 Anwendung finden soll, dann mit einer Aufteilung von 5+5+2 Monaten. Diese Monate können in den ersten 36 Lebensmonaten des Kindes genommen werden, rein theoretisch kann eine Isländerin also zwei Wochen nach der Geburt wieder an ihrem Arbeitsplatz sitzen.

Nun zu den Nachteilen: Es gibt in Island keinen (!) Mutterschutz vor der Geburt und auch nach der Geburt sind nur zwei Wochen verpflichtend. Das bedeutet man sieht in Island oft hochschwangere Frauen an ihren Arbeitsplätzen.
Die kurze Elternzeit deckt sich nicht mit der Verfügbarkeit von Betreuungsplätzen, die in den KiTas in der Regel erst ab 24 Monaten beginnen. Das bedeutet auch auf Island gibt es einen hohen Andrang auf Betreuungsplätze für Kinder ab zwölf Monaten. Die Lücke zwischen der Elternzeit und dem Einstieg in die Betreuung stellt demnach für viele isländische Familien ein Problem dar. Da sich die Kinder nicht für zwölf Monate in einem Feenstein abgeben lassen, sondern auch nach Ende der Elternzeit betreut werden müssen, nehmen viele Eltern (auch hier leider überwiegend Frauen) unbezahlten Urlaub oder arbeiten Teilzeit. Alternativ springt die Großelterngeneration ein (auch hier überwiegend die Großmütter), was zumindest aufgrund der Ballung des Großteils der isländischen Bevölkerung in und um Reykjavík kein größeres logistisches Problem ist. Ab dem zweiten Lebensjahr sind übrigens 90% der isländischen Kinder im Kindergarten und 80% davon mindestens sieben Stunden am Tag (Quelle).

Da die Isländer*innen das Recht haben ihre Elternzeitmonate bis zum 36. Lebensmonat des Kindes zu nehmen, kann man abschließende Aussagen über die Verteilung und Akzeptanz der Elternzeit nur für einen Zeitraum treffen, der die letzten drei Jahre nicht beinhaltet. Nun kommen wir also zu den 97%, die momentan gerne angeführt werden: Diese Zahl kommt aus dem Jahr 2009 und bezieht sich auf die Zahl der Anträge von Vätern auf Elterngeld im vgl. zu den Anträgen von Müttern. Das bedeutet über die Länge der beantragten Zeiträume gibt es in dieser Zahl von 97% keine Hinweise, es können also Elterngeldanträge enthalten sein, die sich nur auf wenige Tage beziehen. Interessanterweise ist das Jahr 2009 ein statistischer Ausreißer, noch 2007 waren es nur 88% der Väter, die einen Antrag auf Elterngeld stellten. Im Herbst 2008 gab es in Island die große Wirtschaftskrise und es scheint mir schlüssig, dass in den folgenden Monaten eine größere Zahl von Vätern Elterngeldanträge gestellt hat, um Arbeitslosigkeit zu überbrücken oder finanziell unter Druck stehende Betriebe zu entlasten. Die Zahl von 975 ist also nicht repräsentativ für die vorhergehenden und die Folgejahre. Ganz so traumhaft wie es diese Zahl suggeriert ist der Zustand also nicht im nordatlantischen Familienalltag. Auffällig ist nämlich, dass es auch auf Island eine Einteilung gibt, nach der die Frauen den überwiegenden Teil der Elternzeit nehmen. Im isländischen Fall nehmen die Mütter also die 3+3 Monate, während ca. 20% der Väter in den Jahren bis 2009 nichtmal die ihnen zustehenden drei Monate ausschöpften. In den Jahren nach der Krise von 2008 hat sich dieser Trend leider deutlich verschärft, da auch der Höchstsatz des Elterngeldes gekürzt wurde und viele Familien nicht auf das Gehalt des Vaters verzichten können/wollen (Quelle: hier, hier, hier). Diese Veränderung hat dazu geführt, dass auch in Island Väter nicht ihren Teil der Sorgearbeit leisten (können?).

Im Vergleich zu Deutschland stehen die isländischen Väter jedoch besser da, denn die deutschen Zahlen sind im Vergleich dazu furchterregend: im Land von Mutterkult und Betreuungsgelddebatte gehen nach wie vor nur ca. 30% der Väter überhaupt in Elternzeit (das fasst dieser aktuelle Blogpost gut zusammen). Obwohl also die isländische Familienpolitik alles andere als ein Elternparadies am Polarkreis geschaffen hat, scheinen doch einige grundsätzliche Parameter in die richtige Richtung zu weisen. Meiner Meinung nach ist es beispielsweise sinnvoll auch in Deutschland darüber nachzudenken, ob man nicht eine Aufteilung der vierzehnmonatigen Elternzeit in ein 6+6+2 System in Erwägung zieht, denn auch wenn die Zahl von isländische Vätern in Elternzeit nicht bei magischen 97% liegt, so nehmen doch deutlich mehr Isländer ihre Elternzeit in Anspruch.

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Fat-Shaming im Kinderfernsehen

2016-06-27 12.15.17Ich schaue ganz gerne das Sandmännchen mit meinen Kindern. Ich mag die nostalgische Gestaltung der Anfangs-Sequenzen und die kurzen, kindgerechten Clips passen hervorragend zur Aufmerksamkeitsspanne meines mittleren Kindes, der Fernsehen nicht besonders viel abgewinnen kann. Im Pommerschen Landesmuseum in Greifswald war vor zwei Jahren eine Ausstellung, die viele Sandmännchen-Kulissen im Original gezeigt hat. Dort habe ich gelernt, wie oft die Kulissenbauer mit Makkaroni gestaltet haben – seitdem sehe ich immer die angemalten Makkaroni vor mir, wenn ich die Rahmenhandlung des Sandmännchens im Fernsehen schaue.

Neulich haben wir also wieder Sandmännchen geschaut: Es kam ein Clip von Kalli. “Der ist cool.” sagt mein großer Sohn, was schon einiges heißen will, denn wir befinden uns momentan in der Phase wo das Sandmännchen eher so “Baby” für ihn ist. Bei den Kalli-Clips gibt es immer einen ähnlich aufgebauten Plot, der ungefähr folgendermaßen abläuft: Kalli stellt sich vor, wie es wäre “XY” zu sein und der Clip folgt dann der Umsetzung dieses Traums. Das ist oft lustig und charmant und sogar der 7jährige findet es unterhaltsam.

Dieses Mal – in einer Folge aus dem Jahr 2007 (“Kalli-Biene“) – konnte Kalli nicht schlafen, weil er zum Abendbrot das Honigglas ausschlecken wollte. Das verbietet ihm sein Vater mit der Aussage: “Wer Abends zuviel Süßes isst, wird schrecklich dick.” Daraufhin antwortet die Mutter: “Und wer will das schon?” Gute Frage, oder? Denn wer will schon schrecklich dick sein, das ist wird ja in einer ziemlichen Selbstverständlichkeit als furchtbar dargestellt. Kalli lässt sich davon jedoch nicht beirren und schleicht sich als Biene in ein auch nachts beleuchtetes Gewächshaus und (in einer interessanten Verkehrung biologischer Tatsachen) beginnt sich an dem Honig in den Blumen voll zu essen. Bis hierhin gab es noch Potential die narrative Kurve zu kratzen und eine schöne Geschichte zu erzählen, von einem Kind das darauf besteht seinem eigenen Körper und seinen eigenen Hungerbedürfnissen zu folgen. Doch weit gefehlt: Der böse Zucker macht Kalli dann leider so dick, was uns ja schon zuvor als absolut nicht wünschenswertes Schicksal präsentiert wurde, dass er nicht mehr durch das Fenster passt. Die Blumen lachen ihn deswegen aus und kichern: “Das kommt vom Naschen.” Daraufhin kommt ein Regenwurm mit bayrischem Dialekt mit einem Lösungsvorschlag: “Da hilft nur Sport.” und nach einigen Kniebeugen, die der Regenwurm mit Trillerpfeife motiviert, passt Kalli endlich wieder durch den Fensterspalt. Moral von der Geschichte: Dick sein ist schlecht, kommt vom Naschen und ist durch ein bisschen Sport locker wieder zu beheben.

Mir stand danach ehrlich gesagt der Mund offen und ich war wirklich wütend über diese plumpe Vereinfachung von Tatsachen und den Einfluss die solche Geschichten auf das Weltbild meiner Kinder haben. Eine totale Individualisierung der Verantwortung für seinen Körper: Iss nicht soviel und mach Sport, dann musst du auch nicht dick sein, denn wer will das schon?! Wer dick ist, muss sich also nur bewegen und schon wird alles gut. Deswegen ist es auch okay, dass der dicke Kalli von den Blumen ausgelacht wird, er kann ja Sport machen und aufhören zu naschen. Ich möchte nicht, dass meine Kinder die Körper anderer Kinder kommentieren oder ihnen dieses Weltbild aufzwingen. Ich möchte das Körper, auch Kinderkörper!, so wie sie sind angenommen werden. Damit meine ich nicht, dass Kinderfernsehen nicht aus Themen wie gesunder Ernährung oder Sport gute Erzählungen fabrizieren soll, aber dieser Versuch ist wohl in die Hose gegangen. Wie kann so etwas in 2007, in einer Zeit von Essstörungen und pathologischen Körperbildern, als vernünftige, kindgerechte Unterhaltung präsentiert werden?