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Salzlösung

In den Monaten nachdem meine Tochter gestorben ist, habe ich oft auf dem Bett gesessen, ihr Zwillings-bruder schon schlafend im Bett neben mir, in seinem beige-braun geringelten Schlafsack, die Faust gegen die Stirn gepresst und die Nacht am Nordatlantik war keine Nacht, sondern Tag. Aus dem Fenster konnte ich das Meer sehen, das ein graueres blau hatte, als der Himmel der Polarnacht – mit dieser eigentümlichen Helligkeit. Containerschiffe, marodierende Teenager und unser Nachbar, der immer stapelweise Videokassetten aus dem Haus trug, Jahre nachdem die VHS von der technischen Entwicklung bereits überholt war. Mir liefen dann die Tränen das Gesicht hinab und Rotze, was mir egal war, weil sowieso beides auf meinem T-Shirt landete. Ich habe wenig geschluchzt und irgendwann nichtmal das Gesicht verzogen. Es war ein Ritual, sobald das Baby schlief, so wie den Wasserhahn anstellen. In mir ein großes Loch, das sich immer nur nachts mit Wasser füllte. An guten Tagen konnte ich am Horizont die Schneekappe des Snæfellsjökull sehen. Wenn ich lange genug auf das Meer gestarrt hatte, die Atemzüge des Babys schwappten wie leise Wellen durch den Raum, dann war es, als ob ich mich in Salz selbst aufgelöst hätte.

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Raben

6 vollgeladene Geschirrspüler, 3 Wäsche-Ladungen. Ich putze das Treppenhaus, weil Kehrwoche ist und sowieso der ganze Dreck im Haus von uns kommt. Der Kleinste ist die ganze Woche krank gewesen und am Samstag Nachmittag fällt mir auf, dass ich schon 56 Stunden nicht vor der Haustür war (Treppenhausputzen zählt nicht als Spaziergang). Ich gehe alleine durch die Straßen. Es ist schon dunkel und neblig, eine Zeit für händchenhaltende Hundebesitzer. Auf der Straße liegt eine Matratze; ich hüpfe darauf herum. Am Sonntag gehe ich mit dem Mittleren spazieren, wir beobachten Raben in den kahlen Bäumen. Abends will ich Hummus zu machen, den ich versalze, was mir sonst nie passiert. Der Kleine fällt beim Toben um und blutet wie verrückt. Ich erinnere mich noch, wie sein großer Bruder das erste Mal richtig stark aus dem Mund blutete, beim dritten Kind ist es nicht mehr so erschrecken. Ich sitze auf dem Küchenfußboden mit dem blutenden Kind auf meinem Schoß, Kühlpack, Taschentücher, neben mir der versalzene Hummus und denke über die Raben nach, die auf den wacklig-dünnen Ästen der Baumspitzen so sicher zu sitzen scheinen.

 

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Über Angst

Mein Sohn hat Angst vor Trollen. Manchmal mehr, manchmal weniger. Wenn die Angst besonders stark ist, dann mag er nicht alleine sein, das Licht soll auch an bleiben und manchmal schläft er dann auch wieder bei uns im Bett.

Leider haben wir zunächst das gemacht, was wohl viele machen, wenn ein Kind (oder ein anderer Mitmensch) von Angst erzählt: Wir haben abgewiegelt. Das klingt dann in etwa so: “Du brauchst keine Angst vor Trollen haben, denn Trolle gibt es ja gar nicht.” Leider hilft es einem Menschen mit schrecklicher Furcht herzlich wenig, wenn man als bl0ße Antwort anbietet, dass die schrecklichen Angstgefühle weder gerechtfertigt sind noch Sinn machen. Dabei geht es wohl eher darum, dass einem selbst die Angst des Anderen unangenehm ist – selbstverständlich mag keiner gerne aushalten, wenn jemand sich fürchtet, mit den Zähnen klappetn oder nur noch bei Licht schlafen kann. Sich mit Ängsten auseinanderzusetzen ist kein Vergnügen, da ist es dann einfacher zu sagen, dass die Angst gar keinen Sinn macht. Das ist jedoch nicht nur respektlos, sondern führt im Idealfall zu nichts, im schlimmsten Fall fühlt sich der ängstliche Mensch nicht mehr ernst genommen und hört auf über seine Furcht zu sprechen. Das wollten wir nicht, also haben wir aufgehört unserem Kind zu sagen, dass die Trollangst völlig unnötig ist.

Der nächste Schritt war zu rationalisieren und zu erklären. Wir haben lang und breit dargelegt, dass Angst etwas sinnvolles ist und dem Menschen hilft auf sich selbst aufzupassen. Gleichzeitig haben wir das Wichtigste betont: Angst darf nie nie nie unser Leben kontrollieren. Es ist zum Beispiel wichtig, trotz Trollangst auf dem Dachboden unseres Mietshauses zu spielen, wenn man da doch so besonders gute Höhlen bauen kann.
Wir haben erzählt, dass sich Menschen schon immer gerne Geschichten ausgedacht haben und das Trolle eben ein Teil dieser Geschichtenwelt sind. All diese Erklärungen haben unserem Kind zwar gut gefallen, er hat viel nachgefragt und sich grundsätzliche Gedanken gemacht, wenn ihn dann aber Abends die Trollangst überfiel, dann waren ihm unsere Erklärungen schnurzpiepegal und halfen ihm überhaupt nicht weiter.

Also haben wir uns gedacht, dass wir der Trollangst auf fiktionaler Ebene begegnen müssen. Wenn er Angst vor Phantasiefiguren hat, dann geben wir ihm eben eine Phantasiewaffe. Unser ganzes schönes Phantasiewaffenarsenal, von Licht bis zu Wasserpistolen, scheiterte jedoch. Er fand immer neue Drehungen und Wendungen für seine Trollgeschichten, die dazu führten, dass die magischen Waffen nicht einsetzbar sein würden. Die Trollangst blieb also ein wichtiger Teil unseres Alltages – manchmal war sie stärker, manchmal war sie schwächer, weg war sie jedoch nie.

Schlussendlich haben wir seine Trollangst als Kommunikationsangebot angenommen. Wir haben uns gefragt: Warum ist diese Angst wichtig für ihn? Die eine perfekte Erklärung für Angstgefühle gibt es natürlich nie, so leicht macht es einem die Angst nicht, aber sich zu überlegen, warum plötzlich eine Angst in unseren Alltag springt, ist ein guter Schritt ihr zu begegnen.
Wir haben gemerkt, dass es ihm gefiel mit uns gemeinsam im Bett über Trolle zu reden, die Aufmerksamkeit war schön und außerdem konnte er mit der Beschreibung seiner Trollangst auch zahlreiche andere Konflikte und Probleme indirekt thematisieren.
Plötzlich war die Trollangst für uns nicht mehr nervig oder unwillkommen, sondern eine Möglichkeit etwas zu erfahren, über unser Kind und seine Sicht auf die Welt. Nur eines war uns immer wichtig: Auch wenn wir die Trollangst zulassen und akzeptieren, so darf diese doch keine Kontrollfunktion in unserem Leben einnehmen.