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Was ist anders mit drei Kindern oder läuft das dritte Kind einfach mit?

2016-04-27 21.24.34Als ich das erste Kind bekommen habe, wurde zur Schwangerschaft gratuliert, auch wenn hin und wieder Skepsis geäußert wurde, ob der Zeitpunkt wirklich passend wäre (Pro-Tip: Es gibt nie den richtigen Zeitpunkt zum Kinderkriegen). Das zweite Kind wurde von den meisten erwartet –  immerhin haben viele Familien zwei Kinder, da war die Überraschung also gering und die Glückwünsche freundlich. Beim dritten Kind wurden wir mehr als einmal gefragt, ob das so geplant war, immerhin wären doch drei Kinder ganz schön viel Arbeit.

Auch jetzt, sieben Monate nach der Geburt, werde ich regelmäßig gefragt wie es so funktioniert mit drei Kindern und ob das Kind so “mitläuft”. Diese Idee, dass ab einer bestimmten Kinderzahl (ich vermute zwei) alle weiteren Kinder “so mitlaufen”, scheint ausgesprochen verbreitet zu sein. Die Frage ist verwunderlich, weil selbstverständlich jedes neues Kind das Familiengefüge und die eingespielten Mechanismen ganz gehörig durcheinander wirft. Ein neuer Mensch fordert seinen Platz ein und sich darauf einzustellen und dem gerecht zu werden erfordert eine ganze Menge Kraft und Energie. Auf der anderen Seite verstehe ich die Gedankenprozesse hinter so einer Frage, hat man doch tatsächlich zahlreiche Hürden, die man beim ersten Kind noch überspringen musste, schon mehrmals erfolgreich genommen. Die Aufgabe der eigenen Bedürfnisse  für ein Neugeborenes, Schlafmangel, Schmerzen und Erschöpfung im Wochenbett – alles schon mal gemacht und tatsächlich nicht mehr so erschreckend, wie beim ersten Mal. In Bezug auf all diese Sorgen und Ängste und neuen Erlebnisse, die wir beim ersten Kind noch hatten, ist das dritte Kind tatsächlich einfacher.

Ich merke die Unterschiede in meinem Leben mit einem dritten Kind besonders in Bezug auf das loslassen und das Abgeben von Verantwortung. Bei meinem ersten Sohn habe ich noch versucht alles perfekt zu machen, mir viele Gedanken gemacht und unzählige Informationen und Ratgeber durchgearbeitet. Ich konnte wenig dem Zufall überlassen und hatte Sorge, dass er sich verletzt oder ich ihn irreparabel schädigen könnte. Dadurch wurde extrem viel meiner Energie aufgebraucht. Vor der Geburt des zweiten Kindes war ich dann ziemlich großspurig und hatte das (im Nachhinein doch etwas naive) Gefühl nun bereits ganz schön viel Ahnung zu haben. Ich dachte, dass ein zweites Kind tatsächlich mitlaufen würde und vielleicht nur halb soviel Mehrarbeit machen würde. Von der Realität, die nach der Geburt unseres zweiten Sohnes auf uns zukam und sich kurz beschreiben lässt mit der Überschrift “Was es bedeutet plötzlich 250% mehr zu arbeiten”, waren wir dann ziemlich überfahren und geschockt. Ich musste erkennen, dass ich es nicht schaffen konnte, die hohen Standards aus den vorhergegangenen Monaten mit nur einem Kind aufrechtzuerhalten. Es fehlte an allen Enden an Zeit und Energie, darunter litt dann vor Allem meine berufliche Karriere – ich hatte nämlich in einem Anfall von Größenwahnsinn beschlossen nur sechs Monate Elternzeit zu nehmen. Ich war also überall nur halb anwesend, gleichzeitig permanent übernächtigt und überfordert mit den großen Emotionen und Verlustängsten, die ein neues Geschwisterkind für das große Kind bedeuten kann. Es war ein sehr harter Prozess, in dem ich letztlich lernen musste nachzugeben und mich selbst weniger unter Druck zu setzen.

Nun ist also das dritte Kind bei uns und es läuft ausgesprochen gut. Ich weiß nun, dass ich Pausen brauche und das es für meine psychische Gesundheit wichtig ist mich für kurze Phasen komplett zurückzuziehen und alle Verantwortung abzugeben, an meinen Partner oder auch an die Großeltern. Ich bin lockerer mit Ansprüchen an mich selbst, halte es besser aus auch Ungeduld und Erschöpfung zuzulassen und entschuldige mich, wenn ich mich aus Überforderung nicht nett verhalten habe – das finden meine Kinder völlig okay und vielleicht lernen sie dabei auch, dass es in Ordnung ist Fehler zu machen. Im Wesentlichen habe ich mit jedem Kind mehr gelernt mich auf mein Netzwerk zu verlassen, Hilfe anzunehmen und mir selber weniger hart gegenüber zu treten. Vielleicht kommt mir die Zeit mit drei Kindern auch deswegen einfacher vor und es hat so gar nichts damit zu tun, dass das dritte Kind bloß “mitläuft.”

 

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Wenn Kinderbilder im Netz Familien zusammenhalten

2016-04-24 11.53.39Soll man Kinderbilder in den sozialen Medien oder auf Blogs teilen? Das ist eine Frage, die ziemlich viele Eltern irgendwann beschäftigt und die in Deutschland gerne emotional geführt wird. Auf der #denkst Familienbloggerkonferenz hat Patricia Cammarata (@dasnuf) einen Vortrag über Kinderbilder im Netz gehalten und ihn anschließend als Blogpost veröffentlicht. Mir gefällt an ihrem Text besonders ihre ausgewogene Blickweise auf das Veröffentlichen von Kinderbildern im Internet, das sich immer auf einem Spektrum zwischen Wahrung der Persönlichkeitsrechte einerseits und dem Bedürfnis nach Sichtbarkeit andererseits bewegt. Ich wünsche mir ebenfalls eine Sichtbarkeit von Kindern und Familien im öffentlichen virtuellen Raum und gleichzeitig glaube ich, dass das Veröffentlichen von Kinderbildern nicht auf die leichte Schulter zu nehmen ist. In dem Blogpost von @dasnuf sind auch zahlreiche Links und weiterführende Hinweise auf Texte, die sich mit dem Thema auseinandersetzen. Da wäre unter Anderem der sehr gut gelungene Text von @leitmedium, der sich dem Thema medienwissenschaftlich nähert und auf die historische Differenz in der kulturellen Bewertung von Bild und Text eingeht (das gefällt mir als Literaturwissenschaftlerin natürlich besonders gut). Die Frage, ob es okay ist lustige Anekdoten seiner Kinder zu teilen, wird nämlich deutlich weniger kontrovers diskutiert, als das Teilen von Bildern. Da die Debatte schon weit geführt wurde und ich persönlich einer differenzierten Haltung à la @dasnuf zustimme und auf individuelle Abwägung plädiere und auf Respekt gegenüber den abgebildeten Kindern, möchte ich gar nichts grundsätzliches dazu schreiben. Einzig ein Element scheint mir in der deutschen Debatte noch zu fehlen und zwar die Funktion von Kinderbildern für Familiengefüge, die sich über weit entfernte Kulturkreise erstrecken.

Da die Debatte über das Teilen von Kinderbildern in verschiedenen kulturellen Kontexten sehr unterschiedlich gehandhabt wird, ergeben sich allein aus dem Zusammentreffen von diversen kulturellen Prägungen ganz interessante Problemstellungen. In Island werden beispielsweise die sozialen Medien durch die gesamte Bandbreite der Gesellschaft deutlich intensiver angenommen, man findet unter Anderem auch erhebliche Mengen isländische Senioren bei Facebook und Instagram. Gleichzeitig gibt es in ganz Skandinavien eine deutlich entspanntere Einstellung zu Datenschutz und Privatsphäre, was dazu führt, dass die meisten meiner skandinavischen Freunde munter und häufig Kinderbilder miteinander teilen. Bilder meiner Kinder unter Bezug auf ein sehr spezifisch deutsches Verständnis von Privatheit und kindlichen Persönlichkeitsrechten nicht in den sozialen Medien zu teilen, würde auf den großen Teil der isländischen Verwandtschaft zumindest befremdlich wirken. Diese positive Einstellung zu dem weit verbreiteten Teilen von Familienbildern hat sicherlich auch damit zu tun, dass sich viele isländische Familien über die gesamte Welt verstreut haben – ein Phänomen das übrigens auch auf immer mehr deutsche Familien zutrifft – und über das Internet versuchen miteinander in Kontakt zu bleiben.

Für uns als Familie bedeutet diese globale Ausbreitung unsere Freunde und Verwandten beispielsweise, dass enge Verwandte in den USA, Island, Benin und Deutschland wohnhaft sind und sich sehr wichtige Freunde unserer Familien über ganz Europa und Amerika verstreut finden lassen. Würde ich keine Familienbilder teilen, wären viele liebe Menschen von der alltäglichen Erlebniswelt meiner Kinder ausgeschlossen. Gleichzeitig ist es für meine Kinder ein wichtige und wertgeschätzte Aktivität sich gemeinsam am Wochenende Fotos und Videos von Freunden und Verwandten anzuschauen, die in Blogs und sozialen Medien geteilt werden. So können wir Beziehungen präsent halten, die noch über den – von mir übrigens sehr geschätzten – Online-Eltern-Clan hinausgehen. Denn das Teilen von Alltagserfahrungen und täglichem Erleben ist immer auch ein Anknüpfungspunkt, wenn wir uns nach langen Distanzmonaten wiedersehen – man weiß eben was im Leben der anderen gerade so passiert und welche Ereignisse wichtig sind. Außerdem fühlt man sich auch im Alltag emotional miteinander verbunden und sei es nur durch den schnellen Austausch von liebevollen Kommentaren unter geposteten Bildern oder das angenehme Gefühl einen wichtigen Entwicklungsmeilenstein (erste Zähne, Fahhradfahren, Einschulung etc.) von weit entfernten lieben Menschen zumindest visuell mitbekommen zu haben.

Interessanterweise hat eine enge Freundin von mir beschlossen keinerlei Bilder ihres Kindes zu teilen, nichtmal per eMail. Stattdessen erhalte ich in regelmäßigen Abständen Fotos per Post. Ich freue mich über jedes einzelne Bild und wertschätze die einzelnen Bilder dadurch mit Sicherheit sehr viel mehr, dennoch habe ich oft das Gefühl wenig am Alltag dieser Familie beteiligt zu sein. Das ist erträglich, weil wir uns regelmäßig auch im realen Leben treffen, für das Aufrechthalten einer Verbindung zu unseren weltweit verstreuten Lieben ist diese Form von Privatheit für mich jedoch keine Option.

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Nachtmusik

Schlaf Kind schlaf; die Zeit steht still
Taubsteife Glieder sind aus Stein geschlagen.
Da ist so vieles, was ich machen will

Auf Goldgedanken bau ich deine Welt
Leichtfüßig schleichend durch den Tag getragen
Schlaf Kind schlaf; die Zeit steht still

Mein Felsenkörper, der zu Sand zerfällt
Gedanken brechen sich an manchen Fragen
Da ist so vieles, was ich machen will

Der Atem, warm und alles was dich hält
Wir werden Wunderherlichkeiten wagen
Schlaf Kind schlaf; die Zeit steht still

Die Luft wird heiß in diesem Deckenzelt
Schlafschwere kaum noch zu ertragen
Da ist so vieles, was ich machen will

Ein Liebesleuchten, das die Nacht erhellt
Sandzeit verrinnt ohne zu klagen
Schlaf Kind schlaf; die Zeit steht still
Da ist so vieles, was ich machen will