Article
0 comment

Über Angst

Mein Sohn hat Angst vor Trollen. Manchmal mehr, manchmal weniger. Wenn die Angst besonders stark ist, dann mag er nicht alleine sein, das Licht soll auch an bleiben und manchmal schläft er dann auch wieder bei uns im Bett.

Leider haben wir zunächst das gemacht, was wohl viele machen, wenn ein Kind (oder ein anderer Mitmensch) von Angst erzählt: Wir haben abgewiegelt. Das klingt dann in etwa so: “Du brauchst keine Angst vor Trollen haben, denn Trolle gibt es ja gar nicht.” Leider hilft es einem Menschen mit schrecklicher Furcht herzlich wenig, wenn man als bl0ße Antwort anbietet, dass die schrecklichen Angstgefühle weder gerechtfertigt sind noch Sinn machen. Dabei geht es wohl eher darum, dass einem selbst die Angst des Anderen unangenehm ist – selbstverständlich mag keiner gerne aushalten, wenn jemand sich fürchtet, mit den Zähnen klappetn oder nur noch bei Licht schlafen kann. Sich mit Ängsten auseinanderzusetzen ist kein Vergnügen, da ist es dann einfacher zu sagen, dass die Angst gar keinen Sinn macht. Das ist jedoch nicht nur respektlos, sondern führt im Idealfall zu nichts, im schlimmsten Fall fühlt sich der ängstliche Mensch nicht mehr ernst genommen und hört auf über seine Furcht zu sprechen. Das wollten wir nicht, also haben wir aufgehört unserem Kind zu sagen, dass die Trollangst völlig unnötig ist.

Der nächste Schritt war zu rationalisieren und zu erklären. Wir haben lang und breit dargelegt, dass Angst etwas sinnvolles ist und dem Menschen hilft auf sich selbst aufzupassen. Gleichzeitig haben wir das Wichtigste betont: Angst darf nie nie nie unser Leben kontrollieren. Es ist zum Beispiel wichtig, trotz Trollangst auf dem Dachboden unseres Mietshauses zu spielen, wenn man da doch so besonders gute Höhlen bauen kann.
Wir haben erzählt, dass sich Menschen schon immer gerne Geschichten ausgedacht haben und das Trolle eben ein Teil dieser Geschichtenwelt sind. All diese Erklärungen haben unserem Kind zwar gut gefallen, er hat viel nachgefragt und sich grundsätzliche Gedanken gemacht, wenn ihn dann aber Abends die Trollangst überfiel, dann waren ihm unsere Erklärungen schnurzpiepegal und halfen ihm überhaupt nicht weiter.

Also haben wir uns gedacht, dass wir der Trollangst auf fiktionaler Ebene begegnen müssen. Wenn er Angst vor Phantasiefiguren hat, dann geben wir ihm eben eine Phantasiewaffe. Unser ganzes schönes Phantasiewaffenarsenal, von Licht bis zu Wasserpistolen, scheiterte jedoch. Er fand immer neue Drehungen und Wendungen für seine Trollgeschichten, die dazu führten, dass die magischen Waffen nicht einsetzbar sein würden. Die Trollangst blieb also ein wichtiger Teil unseres Alltages – manchmal war sie stärker, manchmal war sie schwächer, weg war sie jedoch nie.

Schlussendlich haben wir seine Trollangst als Kommunikationsangebot angenommen. Wir haben uns gefragt: Warum ist diese Angst wichtig für ihn? Die eine perfekte Erklärung für Angstgefühle gibt es natürlich nie, so leicht macht es einem die Angst nicht, aber sich zu überlegen, warum plötzlich eine Angst in unseren Alltag springt, ist ein guter Schritt ihr zu begegnen.
Wir haben gemerkt, dass es ihm gefiel mit uns gemeinsam im Bett über Trolle zu reden, die Aufmerksamkeit war schön und außerdem konnte er mit der Beschreibung seiner Trollangst auch zahlreiche andere Konflikte und Probleme indirekt thematisieren.
Plötzlich war die Trollangst für uns nicht mehr nervig oder unwillkommen, sondern eine Möglichkeit etwas zu erfahren, über unser Kind und seine Sicht auf die Welt. Nur eines war uns immer wichtig: Auch wenn wir die Trollangst zulassen und akzeptieren, so darf diese doch keine Kontrollfunktion in unserem Leben einnehmen.

Article
0 comment

Mainzelmännchen, Milchschnitte, Marketing – Werbung und Kinder

Der große Sohn war bei Freunden und hat dort ferngesehen. Fernsehen darf er bei uns zu Hause natürlich auch, wir sind generell ein sehr medienfreundlicher Haushalt – es gibt keine Medienverbote, so lange die Nutzung altersgerecht ist und in Maßen erfolgt. Bei anderen Leuten fernzusehen ist aber immer besonders spannend, weil man da Sachen gucken kann, die man entweder nicht kennt, nicht darf oder weil man endlich gemeinsam mit den Freunden beim Fernsehen fachsimpeln kann.

Wieder zu Hause erzählte er mir begeistert, dass etwas ganz Cooles gesehen hätte: nämlich kurze Folgen in denen einen Sachen gezeigt werden, die man kaufen kann, Spielsachen, Essen und lauter so Kram. Das gefiel ihm und er wollte gerne auch bei uns mal diese Folgen schauen.

Es dauert einen Moment, bis mir auffiel, dass er von Fernsehwerbung sprach. Bei uns gibt es KiKa (ohne Werbung) oder Netflix, das bedeutet das Konzept der Fernsehwerbung war ihm nicht bekannt. Ich glaube die einzigen Werbeclips, die er bei uns je gesehen hat waren vor Youtube-Videos, das ist aber natürlich nicht zu vergleichen mit speziell an Kinder als Markt gerichteter Fernsehwerbung. Fernsehwerbung war in meiner Kindheit ein zentrales Element meines Fernsehkonsums und ich kann immer noch Werbemelodien der 80er Jahre singen oder Slogans nachplappern und habe die, den Werbeblock einleitenden, Mainzelmännchen geliebt. Ich frage mich wofür der ganze Hirn-Speicherplatz, der bei mir für Werbung draufgegangen ist, bei meinen Kindern eingesetzt wird, lose vermute ich, dass dort zum Beispiel die Namen von 150 Pokémons abrufbar sind.

Article
0 comment

Fat-Shaming im Kinderfernsehen

2016-06-27 12.15.17Ich schaue ganz gerne das Sandmännchen mit meinen Kindern. Ich mag die nostalgische Gestaltung der Anfangs-Sequenzen und die kurzen, kindgerechten Clips passen hervorragend zur Aufmerksamkeitsspanne meines mittleren Kindes, der Fernsehen nicht besonders viel abgewinnen kann. Im Pommerschen Landesmuseum in Greifswald war vor zwei Jahren eine Ausstellung, die viele Sandmännchen-Kulissen im Original gezeigt hat. Dort habe ich gelernt, wie oft die Kulissenbauer mit Makkaroni gestaltet haben – seitdem sehe ich immer die angemalten Makkaroni vor mir, wenn ich die Rahmenhandlung des Sandmännchens im Fernsehen schaue.

Neulich haben wir also wieder Sandmännchen geschaut: Es kam ein Clip von Kalli. “Der ist cool.” sagt mein großer Sohn, was schon einiges heißen will, denn wir befinden uns momentan in der Phase wo das Sandmännchen eher so “Baby” für ihn ist. Bei den Kalli-Clips gibt es immer einen ähnlich aufgebauten Plot, der ungefähr folgendermaßen abläuft: Kalli stellt sich vor, wie es wäre “XY” zu sein und der Clip folgt dann der Umsetzung dieses Traums. Das ist oft lustig und charmant und sogar der 7jährige findet es unterhaltsam.

Dieses Mal – in einer Folge aus dem Jahr 2007 (“Kalli-Biene“) – konnte Kalli nicht schlafen, weil er zum Abendbrot das Honigglas ausschlecken wollte. Das verbietet ihm sein Vater mit der Aussage: “Wer Abends zuviel Süßes isst, wird schrecklich dick.” Daraufhin antwortet die Mutter: “Und wer will das schon?” Gute Frage, oder? Denn wer will schon schrecklich dick sein, das ist wird ja in einer ziemlichen Selbstverständlichkeit als furchtbar dargestellt. Kalli lässt sich davon jedoch nicht beirren und schleicht sich als Biene in ein auch nachts beleuchtetes Gewächshaus und (in einer interessanten Verkehrung biologischer Tatsachen) beginnt sich an dem Honig in den Blumen voll zu essen. Bis hierhin gab es noch Potential die narrative Kurve zu kratzen und eine schöne Geschichte zu erzählen, von einem Kind das darauf besteht seinem eigenen Körper und seinen eigenen Hungerbedürfnissen zu folgen. Doch weit gefehlt: Der böse Zucker macht Kalli dann leider so dick, was uns ja schon zuvor als absolut nicht wünschenswertes Schicksal präsentiert wurde, dass er nicht mehr durch das Fenster passt. Die Blumen lachen ihn deswegen aus und kichern: “Das kommt vom Naschen.” Daraufhin kommt ein Regenwurm mit bayrischem Dialekt mit einem Lösungsvorschlag: “Da hilft nur Sport.” und nach einigen Kniebeugen, die der Regenwurm mit Trillerpfeife motiviert, passt Kalli endlich wieder durch den Fensterspalt. Moral von der Geschichte: Dick sein ist schlecht, kommt vom Naschen und ist durch ein bisschen Sport locker wieder zu beheben.

Mir stand danach ehrlich gesagt der Mund offen und ich war wirklich wütend über diese plumpe Vereinfachung von Tatsachen und den Einfluss die solche Geschichten auf das Weltbild meiner Kinder haben. Eine totale Individualisierung der Verantwortung für seinen Körper: Iss nicht soviel und mach Sport, dann musst du auch nicht dick sein, denn wer will das schon?! Wer dick ist, muss sich also nur bewegen und schon wird alles gut. Deswegen ist es auch okay, dass der dicke Kalli von den Blumen ausgelacht wird, er kann ja Sport machen und aufhören zu naschen. Ich möchte nicht, dass meine Kinder die Körper anderer Kinder kommentieren oder ihnen dieses Weltbild aufzwingen. Ich möchte das Körper, auch Kinderkörper!, so wie sie sind angenommen werden. Damit meine ich nicht, dass Kinderfernsehen nicht aus Themen wie gesunder Ernährung oder Sport gute Erzählungen fabrizieren soll, aber dieser Versuch ist wohl in die Hose gegangen. Wie kann so etwas in 2007, in einer Zeit von Essstörungen und pathologischen Körperbildern, als vernünftige, kindgerechte Unterhaltung präsentiert werden?