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Fat-Shaming im Kinderfernsehen

2016-06-27 12.15.17Ich schaue ganz gerne das Sandmännchen mit meinen Kindern. Ich mag die nostalgische Gestaltung der Anfangs-Sequenzen und die kurzen, kindgerechten Clips passen hervorragend zur Aufmerksamkeitsspanne meines mittleren Kindes, der Fernsehen nicht besonders viel abgewinnen kann. Im Pommerschen Landesmuseum in Greifswald war vor zwei Jahren eine Ausstellung, die viele Sandmännchen-Kulissen im Original gezeigt hat. Dort habe ich gelernt, wie oft die Kulissenbauer mit Makkaroni gestaltet haben – seitdem sehe ich immer die angemalten Makkaroni vor mir, wenn ich die Rahmenhandlung des Sandmännchens im Fernsehen schaue.

Neulich haben wir also wieder Sandmännchen geschaut: Es kam ein Clip von Kalli. “Der ist cool.” sagt mein großer Sohn, was schon einiges heißen will, denn wir befinden uns momentan in der Phase wo das Sandmännchen eher so “Baby” für ihn ist. Bei den Kalli-Clips gibt es immer einen ähnlich aufgebauten Plot, der ungefähr folgendermaßen abläuft: Kalli stellt sich vor, wie es wäre “XY” zu sein und der Clip folgt dann der Umsetzung dieses Traums. Das ist oft lustig und charmant und sogar der 7jährige findet es unterhaltsam.

Dieses Mal – in einer Folge aus dem Jahr 2007 (“Kalli-Biene“) – konnte Kalli nicht schlafen, weil er zum Abendbrot das Honigglas ausschlecken wollte. Das verbietet ihm sein Vater mit der Aussage: “Wer Abends zuviel Süßes isst, wird schrecklich dick.” Daraufhin antwortet die Mutter: “Und wer will das schon?” Gute Frage, oder? Denn wer will schon schrecklich dick sein, das ist wird ja in einer ziemlichen Selbstverständlichkeit als furchtbar dargestellt. Kalli lässt sich davon jedoch nicht beirren und schleicht sich als Biene in ein auch nachts beleuchtetes Gewächshaus und (in einer interessanten Verkehrung biologischer Tatsachen) beginnt sich an dem Honig in den Blumen voll zu essen. Bis hierhin gab es noch Potential die narrative Kurve zu kratzen und eine schöne Geschichte zu erzählen, von einem Kind das darauf besteht seinem eigenen Körper und seinen eigenen Hungerbedürfnissen zu folgen. Doch weit gefehlt: Der böse Zucker macht Kalli dann leider so dick, was uns ja schon zuvor als absolut nicht wünschenswertes Schicksal präsentiert wurde, dass er nicht mehr durch das Fenster passt. Die Blumen lachen ihn deswegen aus und kichern: “Das kommt vom Naschen.” Daraufhin kommt ein Regenwurm mit bayrischem Dialekt mit einem Lösungsvorschlag: “Da hilft nur Sport.” und nach einigen Kniebeugen, die der Regenwurm mit Trillerpfeife motiviert, passt Kalli endlich wieder durch den Fensterspalt. Moral von der Geschichte: Dick sein ist schlecht, kommt vom Naschen und ist durch ein bisschen Sport locker wieder zu beheben.

Mir stand danach ehrlich gesagt der Mund offen und ich war wirklich wütend über diese plumpe Vereinfachung von Tatsachen und den Einfluss die solche Geschichten auf das Weltbild meiner Kinder haben. Eine totale Individualisierung der Verantwortung für seinen Körper: Iss nicht soviel und mach Sport, dann musst du auch nicht dick sein, denn wer will das schon?! Wer dick ist, muss sich also nur bewegen und schon wird alles gut. Deswegen ist es auch okay, dass der dicke Kalli von den Blumen ausgelacht wird, er kann ja Sport machen und aufhören zu naschen. Ich möchte nicht, dass meine Kinder die Körper anderer Kinder kommentieren oder ihnen dieses Weltbild aufzwingen. Ich möchte das Körper, auch Kinderkörper!, so wie sie sind angenommen werden. Damit meine ich nicht, dass Kinderfernsehen nicht aus Themen wie gesunder Ernährung oder Sport gute Erzählungen fabrizieren soll, aber dieser Versuch ist wohl in die Hose gegangen. Wie kann so etwas in 2007, in einer Zeit von Essstörungen und pathologischen Körperbildern, als vernünftige, kindgerechte Unterhaltung präsentiert werden?

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Random May 2016

  • IMG_20160507_164327Sohn1 fährt zum ersten Mal auf Klassenfahrt und ist zwei Nächte mit seiner ersten Klasse unterwegs. Wir sind hin- und hergerissen, freuen uns und vermissen ihn. (Er kam übrigens ausgesprochen dreckig und strahlend nach Hause, hat drei Frösche gefunden, geritten und im Wald gespielt.)
  • Die Kinder haben es in diesem Monat auf vier Konzerte geschafft und es war ein Riesenerfolg. Fazit: Geht mit euren Kindern auf Konzerte, mehr dazu hier.
  • Wenn man alleine zu Hause sitzt, während die Kinder ein Konzert besuchen, dann bekommt man einen ganz guten Vorgeschmack auf die Pubertät.
  • Muttertag haben wir – wie immer – nicht gefeiert.
  • Sohn3 windet sich wie ein Aal, robbt und wiegt 10 Kilo – das Eltern-Fitnessprogramm geht weiter.
  • Sohn2 redet immer noch begeistert von seiner “Piratsphäre.”
  • Sohn3 isst seine erste Erdbeere und sein Gesichtsausdruck ist Gold wert – danach merke ich erst wieder bewusst, wie wahnsinnig superlecker Erdbeeren sind.
  • Sohn2 hat plötzlich Angst im Dunkeln. Wir fragen ihn, wovor er sich fürchtet und er antwortet: “Ich habe so Angst, dass meine Ohren so groß wie Eselsohren werden.”
  • Sohn1 balanciert vor der Schule stolz sein Kuscheltier auf dem Kopf – bis es im Klo landet.
  • Ich habe eine Lesung moderiert und das Baby hat es ohne mich gut ausgehalten, was vielleicht daran liegt, dass sein Vater nachts das milchhungrige Kind mit Youtube Videos von Riverdance abgelenkt hat. Wenn er später mal Stepptänzer wird, dann wisst ihr warum.
  • Ich höre die großen Kinder im Wohnzimmer miteinander sprechen. Sohn 1 jammert über seinen Wackelzahn und sein Bruder schlägt ihm liebevoll vor, dass er ihm doch den Zahn mit einem Hammer rausschlagen könnte.
  • Wir haben Besuch von lieben Freunden mit Baby und mir fällt wieder auf, wieviel einfacher es ist mit einer Gruppe von Erwachsenen und Kindern gemeinsam durch den Tag zu gehen. (Dazu mehr auch hier)
  • Ich lese gerade “No Contest” von Alfie Kohn, eine sehr spannende Auseinandersetzung mit Wettkampf und Konkurrenz und wie dadurch unser Zusammenleben vergiftet wird. Mir fällt nun noch mehr auf, dass man mit Kindern oft das Wettkampf-Faß aufmacht und es stört mich immer mehr.
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Ein Plädoyer dafür Kinder zu Konzerten mitzunehmen

upsweepIch habe das große Glück, dass mein Arbeitsplatz ein sehr großes Festival nordeuropäischer Kunst und Kultur mitverantwortet, denn dadurch habe ich jedes Jahr das Gelegenheit mit meinem Festivalpass über eine Woche lang verschiedenste Veranstaltungen zu besuchen und mich auf ganz viel Neues und Spannendes einzulassen. Ich versuche jedes Jahr auch Konzerte zu finden zu denen ich meine Kinder mitnehmen kann. Dabei suche ich nicht nach Ereignissen die inhaltlich auf Kinder ausgerichtet sind, sondern wähle vor Allem Veranstaltungen, die zu (relativ) kinderfreundlichen Zeiten stattfinden. So waren meine großen Kinder in den letzten Jahren auf einem schwedischen Chorkonzert, bei einer norwegischen Veteranen-Blaskapelle, isländischem Vokal-Jazz, diversen Konzerten mit klassischer Musik, bei norwegischen Volksmusikgruppen, schwedischer Balkanmusik und bei dem fulminanten Konzert einer isländischen post-rock Band (in einer Kirche).

In Island habe ich oft Kinder bei Konzerten aller Art gesehen und Gehörschutz-Kopfhörer gehören zum Haushalt der meisten unserer isländischen Freunde – vielleicht weil so viele Isländer Musik machen und es ihnen unsinnig erscheint ihre Kinder von den eigenen Konzerten auszuschließen und weil die isländische Gesellschaft insgesamt mehr daran gewöhnt zu sein scheint, dass Kinder am Leben teilhaben. Ich habe das Gefühl, dass sich viele deutsche Familien nicht trauen ihre Kinder auf Konzerte mitzunehmen, zumindest sehe ich selten Kinder bei Musikveranstaltungen, die sich nicht explizit an Kinder richten. Damit will ich nicht sagen, dass ich Kinderkonzerte oder Bands, die explizit Musik für Kinder machen, unnötig finde – tatsächlich finde ich es wichtig, dass auch ganz speziell für eine kindliche Zielgruppe Kultur gemacht wird. Dennoch glaube ich, dass es das Leben meiner Kinder bereichert zu Konzerten zu gehen, die eine ästhetische Herausforderung darstellen oder ganz neue Eindrücke bieten, ganz jenseits von der Musik, die wir bei uns zu Hause hören. Ich habe momentan das Gefühl, dass in Deutschland verstärkt eine grundsätzliche Abwesenheit von Kindern im öffentlichen Raum gewünscht wird (z.B. hier, hier und eine kritische Position dazu hier) und durch die fehlende Anwesenheit von Kindern, beispielsweise bei Konzerten und Kulturveranstaltungen, viele Zuschauer an Kinder überhaupt nicht mehr gewöhnt sind. Dabei sollten Kinder genau wie Erwachsene die Chance haben mit einer Vielfalt von Kulturereignissen in Berührung zu kommen. Womit ich übrigens nicht meine, dass man ein weinendes Kind durch einen Abend von Zwölftonmusik schleifen sollte, aber gleichzeitig sollten Kinder auch aus Angst der Eltern vor skeptischen Blicken aus dem erwachsenen Publikum nicht zu Hause bleiben müssen.

Gestern war ich wieder mit meinen beiden großen Söhnen in einem Konzert und es war für uns alle ein ausgesprochen interessantes Erlebnis: Die norwegische Vokalgruppe Song Circus sang in der Greifswalder Marienkirche. An diesem Abend wurden zwei zeitgenössische Kompositionen aufgeführt: das Stück “Transit” und “Upsweep-Whistle-Bloop“. Besonders das zweite Werk wurde von meinen Jungen gespannt erwartet, sollte es doch von unerklärlichen Unterwassergeräuschen inspiriert sein, die von dem Lauschsystem SOSUS aufgefangen wurden. Wir saßen also gespannt zu dritt in der Kirche, wie immer in der Nähe des Ausgangs (Stichwort: Exit-Strategie), denn ich möchte zwar meinen Kindern neue Erfahrungen ermöglichen, im Fall der Fälle aber auch den anderen Zuschauern nicht den Konzertabend verderben. (Wir mussten übrigens noch nie aus einem Konzert verfrüht hinausgehen, bis jetzt hat es immer prima geklappt.) Der erste Teil des Konzerts hat uns gleich in eine Welt von Tönen gesogen, die in der speziellen Akustik der Kapelle eine wunderbar meditative Wirkung entfalteten. Mein 4-Jähriger hat die einen großen Teil des Konzerts mit offenem Mund gelauscht und sich gegen Ende auf meinem Schoß eingekuschelt und ein wenig geschlafen. Der 6-Jährige hat eifrig zugehört und sich sehr genau die Sängerinnen angeschaut, die sich im Raum bewegten und dadurch das Klangerlebnis permanent veränderten.

Der zweite Teil des Konzertes war für die Jungen sehr überraschend und beide konnten gar nicht glauben, dass es den Sängerinnen wirklich gelang solche faszinierenden Knarz- und Rauschtöne zu machen. Die Sängerinnen nutzten in weiten Teilen ihre Atmung um die Messgeräusche nachzumachen, was den 4-Jährigen wiederholt dazu brachte mir aufgeregt ins Ohr zu flüstern, ob das Knarzende Eisberge seien. Es war zeitweilig sehr leise und man musste bewusst zuhören, um die Töne der Sängerinnen wahrzunehmen. Ich war deswegen zeitweilig etwas angespannt, weil die meisten Kinder besonders gerne stille Räume mit eigenen Tönen füllen, was für einige wohl der Grund ist, Kinder am liebsten präventiv von Kulturereignissen auszuschließen. Meine zwei Jungs saßen jedoch eine halbe Stunde gespannt auf der kalten Kirchenbank und beobachteten die Sängerinnen.

Als wir nach dem Konzert nach Hause gingen, waren die beiden sich einig, dass der zweite Teil – den ich als sehr herausfordernd und anspruchsvoll empfunden hatte – ihnen am Besten gefallen hatte. Ich war froh, dass ich meine Kinder wieder mit in ein an Erwachsene gerichtetes Konzert genommen habe und sie die Gelegenheit bekommen haben sich auf etwas ganz Neues und Fremdes einzulassen, was ihnen – im Gegenzug zu der kleinen Zahl an Zuschauern, die im zweiten Teil das Konzert verführt verließen – auch ziemlich gut gelungen ist.