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Fleißige Väter im Feenland – Elternzeit auf Island

2016-06-28 22.59.54Island spielt gerade eine erfolgreiche Fußball-EM (was mich übrigens sehr freut, aber dazu an anderer Stelle mehr) und sofort überschlägt sich die deutsche Medienlandschaft mit Sensationsmeldungen über die fantastische kleine Insel im Nordatlantik: Feen, eingesperrte Bänker, verrückte Bürgermeister, Feuer spuckende Vulkane, frei herumlaufende Schafe und jetzt auch noch engagierte Väter. Engagierte Väter? Momentan zirkuliert auf Twitter die interessante Zahl, dass in Island angeblich 97% der Väter Elternzeit nehmen. Als ich diese Zahl das erste Mal gelesen habe, stutzte ich für einen Moment. Tatsächlich kenne ich sehr viele isländische Väter die Elternzeit nehmen und glaube auch, dass in Island die Elternzeit des Vater mehr zum gesellschaftlichen Konsens gehört, doch 97% erschien mir sehr hoch. (Diese Zahl kommt übrigens aus einem sozialwissenschaftlichen Aufsatz aus dem Jahr 2013 (Arnalds, Eydal, Gíslasson, 2013), der offensichtlich eine weite Rezeption gefunden hat.)

Aus dieser traumhaften Zahl ergeben sich einige Fragen: Wie sieht das isländische Elternzeitmodell aus und wie unterscheidet es sich von dem Deutschen? Sind die Isländer einfach so gerne Väter oder liegen die scheinbaren Unterschiede in der hohen Akzeptanz der Elternzeit zwischen Deutschland und Island in der Gesetzgebung begründet? Ist Island ein Traumland für Familien und alle verzweifelten deutschen Jungeltern sollten auf gepackten Wickeltaschen sitzen?

Widmen wir uns erstmal der finanziellen Seite, die isländische Elternzeit ist ziemlich gut bezahlt, 80% des Durchschnittseinkommens im vgl. zu 67% in Deutschland und außerdem ein höherer Mindestsatz. Ein ganz wichtiger Unterschied ist auch, dass in Island Elterngeld an Studierende gezahlt wird, deswegen gibt es deutlich mehr Studierende, die den Schritt wagen Kinder zu bekommen. Die Elternzeit beträgt insgesamt 9 Monate und die Elternzeitmonate werden in drei Teile geteilt, von denen jedem Elternteil exakt ein Drittel zugewiesen wird, das nicht übertragbar ist. Ein Drittel der Monate steht zur freien Verfügung, so können Isländer*innen nicht mehr als sechs Monate bezahlte Elternzeit nehmen. Im Gegensatz zu Deutschlands 12+2 Monaten also eine Regelung von 3+3+3 Monaten. Gerade wurde die Elternzeit übrigens auf 12 Monate erhöht, was ab 2019 Anwendung finden soll, dann mit einer Aufteilung von 5+5+2 Monaten. Diese Monate können in den ersten 36 Lebensmonaten des Kindes genommen werden, rein theoretisch kann eine Isländerin also zwei Wochen nach der Geburt wieder an ihrem Arbeitsplatz sitzen.

Nun zu den Nachteilen: Es gibt in Island keinen (!) Mutterschutz vor der Geburt und auch nach der Geburt sind nur zwei Wochen verpflichtend. Das bedeutet man sieht in Island oft hochschwangere Frauen an ihren Arbeitsplätzen.
Die kurze Elternzeit deckt sich nicht mit der Verfügbarkeit von Betreuungsplätzen, die in den KiTas in der Regel erst ab 24 Monaten beginnen. Das bedeutet auch auf Island gibt es einen hohen Andrang auf Betreuungsplätze für Kinder ab zwölf Monaten. Die Lücke zwischen der Elternzeit und dem Einstieg in die Betreuung stellt demnach für viele isländische Familien ein Problem dar. Da sich die Kinder nicht für zwölf Monate in einem Feenstein abgeben lassen, sondern auch nach Ende der Elternzeit betreut werden müssen, nehmen viele Eltern (auch hier leider überwiegend Frauen) unbezahlten Urlaub oder arbeiten Teilzeit. Alternativ springt die Großelterngeneration ein (auch hier überwiegend die Großmütter), was zumindest aufgrund der Ballung des Großteils der isländischen Bevölkerung in und um Reykjavík kein größeres logistisches Problem ist. Ab dem zweiten Lebensjahr sind übrigens 90% der isländischen Kinder im Kindergarten und 80% davon mindestens sieben Stunden am Tag (Quelle).

Da die Isländer*innen das Recht haben ihre Elternzeitmonate bis zum 36. Lebensmonat des Kindes zu nehmen, kann man abschließende Aussagen über die Verteilung und Akzeptanz der Elternzeit nur für einen Zeitraum treffen, der die letzten drei Jahre nicht beinhaltet. Nun kommen wir also zu den 97%, die momentan gerne angeführt werden: Diese Zahl kommt aus dem Jahr 2009 und bezieht sich auf die Zahl der Anträge von Vätern auf Elterngeld im vgl. zu den Anträgen von Müttern. Das bedeutet über die Länge der beantragten Zeiträume gibt es in dieser Zahl von 97% keine Hinweise, es können also Elterngeldanträge enthalten sein, die sich nur auf wenige Tage beziehen. Interessanterweise ist das Jahr 2009 ein statistischer Ausreißer, noch 2007 waren es nur 88% der Väter, die einen Antrag auf Elterngeld stellten. Im Herbst 2008 gab es in Island die große Wirtschaftskrise und es scheint mir schlüssig, dass in den folgenden Monaten eine größere Zahl von Vätern Elterngeldanträge gestellt hat, um Arbeitslosigkeit zu überbrücken oder finanziell unter Druck stehende Betriebe zu entlasten. Die Zahl von 975 ist also nicht repräsentativ für die vorhergehenden und die Folgejahre. Ganz so traumhaft wie es diese Zahl suggeriert ist der Zustand also nicht im nordatlantischen Familienalltag. Auffällig ist nämlich, dass es auch auf Island eine Einteilung gibt, nach der die Frauen den überwiegenden Teil der Elternzeit nehmen. Im isländischen Fall nehmen die Mütter also die 3+3 Monate, während ca. 20% der Väter in den Jahren bis 2009 nichtmal die ihnen zustehenden drei Monate ausschöpften. In den Jahren nach der Krise von 2008 hat sich dieser Trend leider deutlich verschärft, da auch der Höchstsatz des Elterngeldes gekürzt wurde und viele Familien nicht auf das Gehalt des Vaters verzichten können/wollen (Quelle: hier, hier, hier). Diese Veränderung hat dazu geführt, dass auch in Island Väter nicht ihren Teil der Sorgearbeit leisten (können?).

Im Vergleich zu Deutschland stehen die isländischen Väter jedoch besser da, denn die deutschen Zahlen sind im Vergleich dazu furchterregend: im Land von Mutterkult und Betreuungsgelddebatte gehen nach wie vor nur ca. 30% der Väter überhaupt in Elternzeit (das fasst dieser aktuelle Blogpost gut zusammen). Obwohl also die isländische Familienpolitik alles andere als ein Elternparadies am Polarkreis geschaffen hat, scheinen doch einige grundsätzliche Parameter in die richtige Richtung zu weisen. Meiner Meinung nach ist es beispielsweise sinnvoll auch in Deutschland darüber nachzudenken, ob man nicht eine Aufteilung der vierzehnmonatigen Elternzeit in ein 6+6+2 System in Erwägung zieht, denn auch wenn die Zahl von isländische Vätern in Elternzeit nicht bei magischen 97% liegt, so nehmen doch deutlich mehr Isländer ihre Elternzeit in Anspruch.

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Wenn Kinderbilder im Netz Familien zusammenhalten

2016-04-24 11.53.39Soll man Kinderbilder in den sozialen Medien oder auf Blogs teilen? Das ist eine Frage, die ziemlich viele Eltern irgendwann beschäftigt und die in Deutschland gerne emotional geführt wird. Auf der #denkst Familienbloggerkonferenz hat Patricia Cammarata (@dasnuf) einen Vortrag über Kinderbilder im Netz gehalten und ihn anschließend als Blogpost veröffentlicht. Mir gefällt an ihrem Text besonders ihre ausgewogene Blickweise auf das Veröffentlichen von Kinderbildern im Internet, das sich immer auf einem Spektrum zwischen Wahrung der Persönlichkeitsrechte einerseits und dem Bedürfnis nach Sichtbarkeit andererseits bewegt. Ich wünsche mir ebenfalls eine Sichtbarkeit von Kindern und Familien im öffentlichen virtuellen Raum und gleichzeitig glaube ich, dass das Veröffentlichen von Kinderbildern nicht auf die leichte Schulter zu nehmen ist. In dem Blogpost von @dasnuf sind auch zahlreiche Links und weiterführende Hinweise auf Texte, die sich mit dem Thema auseinandersetzen. Da wäre unter Anderem der sehr gut gelungene Text von @leitmedium, der sich dem Thema medienwissenschaftlich nähert und auf die historische Differenz in der kulturellen Bewertung von Bild und Text eingeht (das gefällt mir als Literaturwissenschaftlerin natürlich besonders gut). Die Frage, ob es okay ist lustige Anekdoten seiner Kinder zu teilen, wird nämlich deutlich weniger kontrovers diskutiert, als das Teilen von Bildern. Da die Debatte schon weit geführt wurde und ich persönlich einer differenzierten Haltung à la @dasnuf zustimme und auf individuelle Abwägung plädiere und auf Respekt gegenüber den abgebildeten Kindern, möchte ich gar nichts grundsätzliches dazu schreiben. Einzig ein Element scheint mir in der deutschen Debatte noch zu fehlen und zwar die Funktion von Kinderbildern für Familiengefüge, die sich über weit entfernte Kulturkreise erstrecken.

Da die Debatte über das Teilen von Kinderbildern in verschiedenen kulturellen Kontexten sehr unterschiedlich gehandhabt wird, ergeben sich allein aus dem Zusammentreffen von diversen kulturellen Prägungen ganz interessante Problemstellungen. In Island werden beispielsweise die sozialen Medien durch die gesamte Bandbreite der Gesellschaft deutlich intensiver angenommen, man findet unter Anderem auch erhebliche Mengen isländische Senioren bei Facebook und Instagram. Gleichzeitig gibt es in ganz Skandinavien eine deutlich entspanntere Einstellung zu Datenschutz und Privatsphäre, was dazu führt, dass die meisten meiner skandinavischen Freunde munter und häufig Kinderbilder miteinander teilen. Bilder meiner Kinder unter Bezug auf ein sehr spezifisch deutsches Verständnis von Privatheit und kindlichen Persönlichkeitsrechten nicht in den sozialen Medien zu teilen, würde auf den großen Teil der isländischen Verwandtschaft zumindest befremdlich wirken. Diese positive Einstellung zu dem weit verbreiteten Teilen von Familienbildern hat sicherlich auch damit zu tun, dass sich viele isländische Familien über die gesamte Welt verstreut haben – ein Phänomen das übrigens auch auf immer mehr deutsche Familien zutrifft – und über das Internet versuchen miteinander in Kontakt zu bleiben.

Für uns als Familie bedeutet diese globale Ausbreitung unsere Freunde und Verwandten beispielsweise, dass enge Verwandte in den USA, Island, Benin und Deutschland wohnhaft sind und sich sehr wichtige Freunde unserer Familien über ganz Europa und Amerika verstreut finden lassen. Würde ich keine Familienbilder teilen, wären viele liebe Menschen von der alltäglichen Erlebniswelt meiner Kinder ausgeschlossen. Gleichzeitig ist es für meine Kinder ein wichtige und wertgeschätzte Aktivität sich gemeinsam am Wochenende Fotos und Videos von Freunden und Verwandten anzuschauen, die in Blogs und sozialen Medien geteilt werden. So können wir Beziehungen präsent halten, die noch über den – von mir übrigens sehr geschätzten – Online-Eltern-Clan hinausgehen. Denn das Teilen von Alltagserfahrungen und täglichem Erleben ist immer auch ein Anknüpfungspunkt, wenn wir uns nach langen Distanzmonaten wiedersehen – man weiß eben was im Leben der anderen gerade so passiert und welche Ereignisse wichtig sind. Außerdem fühlt man sich auch im Alltag emotional miteinander verbunden und sei es nur durch den schnellen Austausch von liebevollen Kommentaren unter geposteten Bildern oder das angenehme Gefühl einen wichtigen Entwicklungsmeilenstein (erste Zähne, Fahhradfahren, Einschulung etc.) von weit entfernten lieben Menschen zumindest visuell mitbekommen zu haben.

Interessanterweise hat eine enge Freundin von mir beschlossen keinerlei Bilder ihres Kindes zu teilen, nichtmal per eMail. Stattdessen erhalte ich in regelmäßigen Abständen Fotos per Post. Ich freue mich über jedes einzelne Bild und wertschätze die einzelnen Bilder dadurch mit Sicherheit sehr viel mehr, dennoch habe ich oft das Gefühl wenig am Alltag dieser Familie beteiligt zu sein. Das ist erträglich, weil wir uns regelmäßig auch im realen Leben treffen, für das Aufrechthalten einer Verbindung zu unseren weltweit verstreuten Lieben ist diese Form von Privatheit für mich jedoch keine Option.

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Die Renaissance des Zorns oder Warum #älterwerden für mich vor Allem #wütendwerden bedeutet

“Diese korrupten Dreckschweine!” war einer der ersten Sätze, die ich heute morgen gesagt habe. Ich hatte noch keine Hose an und der Morgenkaffee dampfte vor meiner Nase. Mein Mann hat mich über seinen Kaffeebecher wissend angegrinst und das Baby hat ein angekautes Stück Brot auf den Fussboden gewischt. Soviel Wut schon vor acht Uhr – Was hat das mit dem älter werden zu tun? Dazu muss ich ein wenig ausholen.

Ich war ein extrem politisch engagierter und wütender Teenager, habe in meiner antifaschistischen Hochphase sogar die Glanzleistung absolviert meinen alten Großeltern beim Familienkaffee ihr Mitwissertum in der Nazizeit lautstark vorzuwerfen – worauf ich heute nicht stolz bin. Doch irgendwo in der Studienzeit ist mir die Wut abhanden gekommen und es folgten einige Jahre extremer Nabelschau, in denen meine Gedanken vor Allem darum kreisten wo ich als nächstes zum backpacken hinreisen konnte und welche Indie-Band mir am besten gefällt. Ich war so froh endlich in einer Großstadt zu wohnen, dass ich dort erstmal in selbstgefälliger Urbanität versackt bin.

Mit Ende 20 bin ich nach Island gezogen und mit halb ausgepackten Kisten saßen wir dann am 6. Oktober 2008 vor dem Fernseher, als der damalige isländische Premierminister Geir Haarde, mit seiner inzwischen legendär gewordenen Fernsehansage mit den abschließenden Worten in Endzeitstimmung: “Guð blessi Ísland” (Gott schütze Island), den Beginn der Finanzkrise in Island ankündigte. Schwanger war ich dann auf den Protesten der Búsáhaldabyltingin (Küchengeräte-Revolution) und fühlte mich zum ersten mal seit einer ganzen Weile wieder richtig wütend. Die Regierung wurde aus dem Amt gejagt und zahlreiche Isländer, darunter auch wir mit unserem ersten Sohn, verließen in den folgenden Jahren die Insel um anderswo Arbeit zu finden. Was mir blieb war die Wut.

Diese Wut ist mit jedem Jahr des älter werdens und jedem weiteren Kind nicht etwa in Windelbergen und Eltern-Müdigkeit verebbt, sondern nur weiter angewachsen. Vielleicht hat es damit zu tun, dass mit jedem Jahr die eigene Lebenszeit kürzer wird und man irgendwann auch versteht, warum Rentner an der Kasse drängeln. Zumindest habe ich keine Geduld mehr auf Veränderungen zu warten und Gegebenheiten zu akzeptieren.

Nun ist wieder eine Regierung in Island kurz vor dem Kippen, bei uns laufen Nachrichten in Dauerschleife und die Tischgespräche drehen sich um die Wut und Verzweiflung, dass einfach keine Änderung einzutreten scheint, nur neue Wege gefunden werden die alten Strukturen zu erhalten. Sollte das mit dem älter werden und dem wütender werden bei mir so weitergehen, dann wird es zumindest spannend!

(Dieser Post ist ein Beitrag zu Frau Quadratmeters Blogaktion zum Thema #älterwerden)