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Salzlösung

In den Monaten nachdem meine Tochter gestorben ist, habe ich oft auf dem Bett gesessen, ihr Zwillings-bruder schon schlafend im Bett neben mir, in seinem beige-braun geringelten Schlafsack, die Faust gegen die Stirn gepresst und die Nacht am Nordatlantik war keine Nacht, sondern Tag. Aus dem Fenster konnte ich das Meer sehen, das ein graueres blau hatte, als der Himmel der Polarnacht – mit dieser eigentümlichen Helligkeit. Containerschiffe, marodierende Teenager und unser Nachbar, der immer stapelweise Videokassetten aus dem Haus trug, Jahre nachdem die VHS von der technischen Entwicklung bereits überholt war. Mir liefen dann die Tränen das Gesicht hinab und Rotze, was mir egal war, weil sowieso beides auf meinem T-Shirt landete. Ich habe wenig geschluchzt und irgendwann nichtmal das Gesicht verzogen. Es war ein Ritual, sobald das Baby schlief, so wie den Wasserhahn anstellen. In mir ein großes Loch, das sich immer nur nachts mit Wasser füllte. An guten Tagen konnte ich am Horizont die Schneekappe des Snæfellsjökull sehen. Wenn ich lange genug auf das Meer gestarrt hatte, die Atemzüge des Babys schwappten wie leise Wellen durch den Raum, dann war es, als ob ich mich in Salz selbst aufgelöst hätte.