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Salzlösung

In den Monaten nachdem meine Tochter gestorben ist, habe ich oft auf dem Bett gesessen, ihr Zwillings-Bruder schon schlafend im Bett neben mir, in seinem beige-braun geringelten Schlafsack, die Faust gegen die Stirn gepresst und die Nacht am Nordatlantik war keine Nacht, sondern Tag. Aus dem Fenster konnte ich das Meer sehen, das ein graueres blau hatte, als der Himmel der Polarnacht – mit dieser eigentümlichen Helligkeit. Containerschiffe, marodierende Teenager und unser Nachbar, der immer stapelweise Videokassetten aus dem Haus trug, Jahre nachdem die VHS von der technischen Entwicklung bereits überholt war. Mir liefen dann die Tränen das Gesicht hinab und Rotze, was mir egal war, weil sowieso beides auf meinem T-Shirt landete. Ich habe wenig geschluchzt und irgendwann nichtmal das Gesicht verzogen. Es war ein Ritual, sobald das Baby schlief, so wie den Wasserhahn anstellen. In mir ein großes Loch, das sich immer nur nachts mit Wasser füllte. An guten Tagen konnte ich am Horizont die Schneekappe des Snæfellsjökull sehen. Wenn ich lange genug auf das Meer gestarrt hatte, die Atemzüge des Babys schwappten wie leise Wellen durch den Raum, dann war es, als ob ich mich in Salz selbst aufgelöst hätte.

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Nachtmusik

Schlaf Kind schlaf; die Zeit steht still
Taubsteife Glieder sind aus Stein geschlagen.
Da ist so vieles, was ich machen will

Auf Goldgedanken bau ich deine Welt
Leichtfüßig schleichend durch den Tag getragen
Schlaf Kind schlaf; die Zeit steht still

Mein Felsenkörper, der zu Sand zerfällt
Gedanken brechen sich an manchen Fragen
Da ist so vieles, was ich machen will

Der Atem, warm und alles was dich hält
Wir werden Wunderherlichkeiten wagen
Schlaf Kind schlaf; die Zeit steht still

Die Luft wird heiß in diesem Deckenzelt
Schlafschwere kaum noch zu ertragen
Da ist so vieles, was ich machen will

Ein Liebesleuchten, das die Nacht erhellt
Sandzeit verrinnt ohne zu klagen
Schlaf Kind schlaf; die Zeit steht still
Da ist so vieles, was ich machen will

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Die Renaissance des Zorns oder Warum #älterwerden für mich vor Allem #wütendwerden bedeutet

“Diese korrupten Dreckschweine!” war einer der ersten Sätze, die ich heute morgen gesagt habe. Ich hatte noch keine Hose an und der Morgenkaffee dampfte vor meiner Nase. Mein Mann hat mich über seinen Kaffeebecher wissend angegrinst und das Baby hat ein angekautes Stück Brot auf den Fussboden gewischt. Soviel Wut schon vor acht Uhr – Was hat das mit dem älter werden zu tun? Dazu muss ich ein wenig ausholen.

Ich war ein extrem politisch engagierter und wütender Teenager, habe in meiner antifaschistischen Hochphase sogar die Glanzleistung absolviert meinen alten Großeltern beim Familienkaffee ihr Mitwissertum in der Nazizeit lautstark vorzuwerfen – worauf ich heute nicht stolz bin. Doch irgendwo in der Studienzeit ist mir die Wut abhanden gekommen und es folgten einige Jahre extremer Nabelschau, in denen meine Gedanken vor Allem darum kreisten wo ich als nächstes zum backpacken hinreisen konnte und welche Indie-Band mir am besten gefällt. Ich war so froh endlich in einer Großstadt zu wohnen, dass ich dort erstmal in selbstgefälliger Urbanität versackt bin.

Mit Ende 20 bin ich nach Island gezogen und mit halb ausgepackten Kisten saßen wir dann am 6. Oktober 2008 vor dem Fernseher, als der damalige isländische Premierminister Geir Haarde, mit seiner inzwischen legendär gewordenen Fernsehansage mit den abschließenden Worten in Endzeitstimmung: “Guð blessi Ísland” (Gott schütze Island), den Beginn der Finanzkrise in Island ankündigte. Schwanger war ich dann auf den Protesten der Búsáhaldabyltingin (Küchengeräte-Revolution) und fühlte mich zum ersten mal seit einer ganzen Weile wieder richtig wütend. Die Regierung wurde aus dem Amt gejagt und zahlreiche Isländer, darunter auch wir mit unserem ersten Sohn, verließen in den folgenden Jahren die Insel um anderswo Arbeit zu finden. Was mir blieb war die Wut.

Diese Wut ist mit jedem Jahr des älter werdens und jedem weiteren Kind nicht etwa in Windelbergen und Eltern-Müdigkeit verebbt, sondern nur weiter angewachsen. Vielleicht hat es damit zu tun, dass mit jedem Jahr die eigene Lebenszeit kürzer wird und man irgendwann auch versteht, warum Rentner an der Kasse drängeln. Zumindest habe ich keine Geduld mehr auf Veränderungen zu warten und Gegebenheiten zu akzeptieren.

Nun ist wieder eine Regierung in Island kurz vor dem Kippen, bei uns laufen Nachrichten in Dauerschleife und die Tischgespräche drehen sich um die Wut und Verzweiflung, dass einfach keine Änderung einzutreten scheint, nur neue Wege gefunden werden die alten Strukturen zu erhalten. Sollte das mit dem älter werden und dem wütender werden bei mir so weitergehen, dann wird es zumindest spannend!

(Dieser Post ist ein Beitrag zu Frau Quadratmeters Blogaktion zum Thema #älterwerden)