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Über Angst

Mein Sohn hat Angst vor Trollen. Manchmal mehr, manchmal weniger. Wenn die Angst besonders stark ist, dann mag er nicht alleine sein, das Licht soll auch an bleiben und manchmal schläft er dann auch wieder bei uns im Bett.

Leider haben wir zunächst das gemacht, was wohl viele machen, wenn ein Kind (oder ein anderer Mitmensch) von Angst erzählt: Wir haben abgewiegelt. Das klingt dann in etwa so: “Du brauchst keine Angst vor Trollen haben, denn Trolle gibt es ja gar nicht.” Leider hilft es einem Menschen mit schrecklicher Furcht herzlich wenig, wenn man als bl0ße Antwort anbietet, dass die schrecklichen Angstgefühle weder gerechtfertigt sind noch Sinn machen. Dabei geht es wohl eher darum, dass einem selbst die Angst des Anderen unangenehm ist – selbstverständlich mag keiner gerne aushalten, wenn jemand sich fürchtet, mit den Zähnen klappetn oder nur noch bei Licht schlafen kann. Sich mit Ängsten auseinanderzusetzen ist kein Vergnügen, da ist es dann einfacher zu sagen, dass die Angst gar keinen Sinn macht. Das ist jedoch nicht nur respektlos, sondern führt im Idealfall zu nichts, im schlimmsten Fall fühlt sich der ängstliche Mensch nicht mehr ernst genommen und hört auf über seine Furcht zu sprechen. Das wollten wir nicht, also haben wir aufgehört unserem Kind zu sagen, dass die Trollangst völlig unnötig ist.

Der nächste Schritt war zu rationalisieren und zu erklären. Wir haben lang und breit dargelegt, dass Angst etwas sinnvolles ist und dem Menschen hilft auf sich selbst aufzupassen. Gleichzeitig haben wir das Wichtigste betont: Angst darf nie nie nie unser Leben kontrollieren. Es ist zum Beispiel wichtig, trotz Trollangst auf dem Dachboden unseres Mietshauses zu spielen, wenn man da doch so besonders gute Höhlen bauen kann.
Wir haben erzählt, dass sich Menschen schon immer gerne Geschichten ausgedacht haben und das Trolle eben ein Teil dieser Geschichtenwelt sind. All diese Erklärungen haben unserem Kind zwar gut gefallen, er hat viel nachgefragt und sich grundsätzliche Gedanken gemacht, wenn ihn dann aber Abends die Trollangst überfiel, dann waren ihm unsere Erklärungen schnurzpiepegal und halfen ihm überhaupt nicht weiter.

Also haben wir uns gedacht, dass wir der Trollangst auf fiktionaler Ebene begegnen müssen. Wenn er Angst vor Phantasiefiguren hat, dann geben wir ihm eben eine Phantasiewaffe. Unser ganzes schönes Phantasiewaffenarsenal, von Licht bis zu Wasserpistolen, scheiterte jedoch. Er fand immer neue Drehungen und Wendungen für seine Trollgeschichten, die dazu führten, dass die magischen Waffen nicht einsetzbar sein würden. Die Trollangst blieb also ein wichtiger Teil unseres Alltages – manchmal war sie stärker, manchmal war sie schwächer, weg war sie jedoch nie.

Schlussendlich haben wir seine Trollangst als Kommunikationsangebot angenommen. Wir haben uns gefragt: Warum ist diese Angst wichtig für ihn? Die eine perfekte Erklärung für Angstgefühle gibt es natürlich nie, so leicht macht es einem die Angst nicht, aber sich zu überlegen, warum plötzlich eine Angst in unseren Alltag springt, ist ein guter Schritt ihr zu begegnen.
Wir haben gemerkt, dass es ihm gefiel mit uns gemeinsam im Bett über Trolle zu reden, die Aufmerksamkeit war schön und außerdem konnte er mit der Beschreibung seiner Trollangst auch zahlreiche andere Konflikte und Probleme indirekt thematisieren.
Plötzlich war die Trollangst für uns nicht mehr nervig oder unwillkommen, sondern eine Möglichkeit etwas zu erfahren, über unser Kind und seine Sicht auf die Welt. Nur eines war uns immer wichtig: Auch wenn wir die Trollangst zulassen und akzeptieren, so darf diese doch keine Kontrollfunktion in unserem Leben einnehmen.