Article
3 comments

Ein Plädoyer dafür Kinder zu Konzerten mitzunehmen

upsweepIch habe das große Glück, dass mein Arbeitsplatz ein sehr großes Festival nordeuropäischer Kunst und Kultur mitverantwortet, denn dadurch habe ich jedes Jahr das Gelegenheit mit meinem Festivalpass über eine Woche lang verschiedenste Veranstaltungen zu besuchen und mich auf ganz viel Neues und Spannendes einzulassen. Ich versuche jedes Jahr auch Konzerte zu finden zu denen ich meine Kinder mitnehmen kann. Dabei suche ich nicht nach Ereignissen die inhaltlich auf Kinder ausgerichtet sind, sondern wähle vor Allem Veranstaltungen, die zu (relativ) kinderfreundlichen Zeiten stattfinden. So waren meine großen Kinder in den letzten Jahren auf einem schwedischen Chorkonzert, bei einer norwegischen Veteranen-Blaskapelle, isländischem Vokal-Jazz, diversen Konzerten mit klassischer Musik, bei norwegischen Volksmusikgruppen, schwedischer Balkanmusik und bei dem fulminanten Konzert einer isländischen post-rock Band (in einer Kirche).

In Island habe ich oft Kinder bei Konzerten aller Art gesehen und Gehörschutz-Kopfhörer gehören zum Haushalt der meisten unserer isländischen Freunde – vielleicht weil so viele Isländer Musik machen und es ihnen unsinnig erscheint ihre Kinder von den eigenen Konzerten auszuschließen und weil die isländische Gesellschaft insgesamt mehr daran gewöhnt zu sein scheint, dass Kinder am Leben teilhaben. Ich habe das Gefühl, dass sich viele deutsche Familien nicht trauen ihre Kinder auf Konzerte mitzunehmen, zumindest sehe ich selten Kinder bei Musikveranstaltungen, die sich nicht explizit an Kinder richten. Damit will ich nicht sagen, dass ich Kinderkonzerte oder Bands, die explizit Musik für Kinder machen, unnötig finde – tatsächlich finde ich es wichtig, dass auch ganz speziell für eine kindliche Zielgruppe Kultur gemacht wird. Dennoch glaube ich, dass es das Leben meiner Kinder bereichert zu Konzerten zu gehen, die eine ästhetische Herausforderung darstellen oder ganz neue Eindrücke bieten, ganz jenseits von der Musik, die wir bei uns zu Hause hören. Ich habe momentan das Gefühl, dass in Deutschland verstärkt eine grundsätzliche Abwesenheit von Kindern im öffentlichen Raum gewünscht wird (z.B. hier, hier und eine kritische Position dazu hier) und durch die fehlende Anwesenheit von Kindern, beispielsweise bei Konzerten und Kulturveranstaltungen, viele Zuschauer an Kinder überhaupt nicht mehr gewöhnt sind. Dabei sollten Kinder genau wie Erwachsene die Chance haben mit einer Vielfalt von Kulturereignissen in Berührung zu kommen. Womit ich übrigens nicht meine, dass man ein weinendes Kind durch einen Abend von Zwölftonmusik schleifen sollte, aber gleichzeitig sollten Kinder auch aus Angst der Eltern vor skeptischen Blicken aus dem erwachsenen Publikum nicht zu Hause bleiben müssen.

Gestern war ich wieder mit meinen beiden großen Söhnen in einem Konzert und es war für uns alle ein ausgesprochen interessantes Erlebnis: Die norwegische Vokalgruppe Song Circus sang in der Greifswalder Marienkirche. An diesem Abend wurden zwei zeitgenössische Kompositionen aufgeführt: das Stück “Transit” und “Upsweep-Whistle-Bloop“. Besonders das zweite Werk wurde von meinen Jungen gespannt erwartet, sollte es doch von unerklärlichen Unterwassergeräuschen inspiriert sein, die von dem Lauschsystem SOSUS aufgefangen wurden. Wir saßen also gespannt zu dritt in der Kirche, wie immer in der Nähe des Ausgangs (Stichwort: Exit-Strategie), denn ich möchte zwar meinen Kindern neue Erfahrungen ermöglichen, im Fall der Fälle aber auch den anderen Zuschauern nicht den Konzertabend verderben. (Wir mussten übrigens noch nie aus einem Konzert verfrüht hinausgehen, bis jetzt hat es immer prima geklappt.) Der erste Teil des Konzerts hat uns gleich in eine Welt von Tönen gesogen, die in der speziellen Akustik der Kapelle eine wunderbar meditative Wirkung entfalteten. Mein 4-Jähriger hat die einen großen Teil des Konzerts mit offenem Mund gelauscht und sich gegen Ende auf meinem Schoß eingekuschelt und ein wenig geschlafen. Der 6-Jährige hat eifrig zugehört und sich sehr genau die Sängerinnen angeschaut, die sich im Raum bewegten und dadurch das Klangerlebnis permanent veränderten.

Der zweite Teil des Konzertes war für die Jungen sehr überraschend und beide konnten gar nicht glauben, dass es den Sängerinnen wirklich gelang solche faszinierenden Knarz- und Rauschtöne zu machen. Die Sängerinnen nutzten in weiten Teilen ihre Atmung um die Messgeräusche nachzumachen, was den 4-Jährigen wiederholt dazu brachte mir aufgeregt ins Ohr zu flüstern, ob das Knarzende Eisberge seien. Es war zeitweilig sehr leise und man musste bewusst zuhören, um die Töne der Sängerinnen wahrzunehmen. Ich war deswegen zeitweilig etwas angespannt, weil die meisten Kinder besonders gerne stille Räume mit eigenen Tönen füllen, was für einige wohl der Grund ist, Kinder am liebsten präventiv von Kulturereignissen auszuschließen. Meine zwei Jungs saßen jedoch eine halbe Stunde gespannt auf der kalten Kirchenbank und beobachteten die Sängerinnen.

Als wir nach dem Konzert nach Hause gingen, waren die beiden sich einig, dass der zweite Teil – den ich als sehr herausfordernd und anspruchsvoll empfunden hatte – ihnen am Besten gefallen hatte. Ich war froh, dass ich meine Kinder wieder mit in ein an Erwachsene gerichtetes Konzert genommen habe und sie die Gelegenheit bekommen haben sich auf etwas ganz Neues und Fremdes einzulassen, was ihnen – im Gegenzug zu der kleinen Zahl an Zuschauern, die im zweiten Teil das Konzert verführt verließen – auch ziemlich gut gelungen ist.